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Lesung und Gespräch mit Samuel Hamen zum Thema Ulrich Alexander Boschwitz – Der Reisende

Samuel Hamens Besuch im LGE erfolgt nicht in eigener Sache. Er beginnt mit der Lektüre eines Kapitels aus Boschwitz‘ Roman „Der Reisende“

Otto Silbermann versucht in dem von Hamen vorgelesenen Textauszug der Verfolgung der Nazis zu entkommen. Über Belgien möchte er zu seinem Sohn nach Paris, doch die einzig mögliche Hoffnung wird schnell zunichtegemacht. Der gescheiterte Fluchtversuch macht dem Leser bewusst, dass es kein Entrinnen gibt, eine Situation, die Romanfigur Otto Silbermann und Autor Ulrich Alexander Boschwitz (1915-1942) teilen.

1935 verlässt Boschwitz Berlin. Seine „Reise“ führt ihn zunächst nach Skandinavien, dann nach Frankreich, schließlich zu Erholungszwecken nach Luxemburg, einem keineswegs unproblematischen Aufenthalt, weiter nach Belgien, England und schließlich nach Australien.

Boschwitz Leben endet am 29. Oktober 1942 an Bord des Passagierschiffs Abosso, welches auf der Fahrt von Australien nach England von einem deutschen U-Boot torpediert wird. Mit ihm versinkt sein letztes Manuskript.

Als Boschwitz‘ 1938 geschriebener Roman 2019 dank Peter Graf auch in Deutschland erscheint, weckt das Werk Hamens Interesse aufgrund der Verbindung zu Luxemburg.

Hamen recherchiert in Luxemburgs Nationalarchiv zu Boschwitz‘ Aufenthalt in Luxemburg, berichtet über seine Einsicht in die Dokumente der Fremdenpolizei.


Er verweist auf die Aktualität des Werks, zieht Parallelen zur aktuellen Flüchtlingsthematik. betont aber auch, wie komplex die Hauptfigur des Werks dadurch sei, dass Otto Silbermann aufgrund mancher Verhaltensweise eben nicht nur als bemitleidenswerter Flüchtling wahrgenommen werde, was dem Erzählstrang zugutekomme. Er erwähnt, dass der Roman in Deutschland mittlerweile verbindliche Schullektüre geworden ist, was eine Schülerin zur Frage veranlasst: „Glauben Sie, dass Literatur etwas verändern kann?“

Samuel Hamen, Schriftsteller und Literaturkritiker, glaubt das nicht. Wenn Menschen, die die Welt verbessern wollen, Bücher lesen, die die Welt verbessern wollen, werde die Welt dadurch nicht besser, dies sei die Aufgabe der Politiker. Den Gewinn der Literatur sieht Hamen im Reflexionsprozess, welcher im Leser ausgelöst wird.

Zu einem solchen Reflexionsprozess hat dieser Besuch sicherlich beigetragen.

Samuel Hamens am gleichen Tag seines Besuches erschienenes Werk LTZBG zeigt, welch gutes Gespür Hamen für das hat, was sich um ihn herum abspielt.


Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende, mit einem Nachwort von Peter Graf, Klett-Cotta: Stuttgart 2018, 303 Seiten, 20 Euro


Weitere Informationen zum Werk und seiner Editionsgeschichte gibt folgende Gesprächsrunde: https://www.maison-heinrich-heine.org/culture/2018/novembre/le-fugitif-der-reisende?lang=fr